Betonstein oder Naturstein – Emotionen contra Innovationen

Die gar nicht so feindlichen Brüder

Amstetten
 - Auch wenn die beiden Brüder sehr ähnliche Gesichtszüge aufweisen – der eine weckt Emotionen und wird gern als gewachsenes Urprodukt gehätschelt, der andere scheint eher virtueller Herkunft und ganz sachlich auf dem Reißbrett entstanden zu sein. Feindschaften zwischen Betonstein und Naturstein sind dennoch kaum auszumachen, auch wenn beiden Produkten eine massive Gegnerschaft im Wettbewerb um den Kunden eigen sein mag. Die Diskussion über das Für und Wider, aber auch über ein Nebeneinander ist in vollem Gange.
Bereits bei der Ursachenforschung für den vermeintlichen Bruderzwist scheiden sich die Geister. Ulrich Lotz, geschäftsführender Vorstand im Bundesverband Deutsche Beton- und Fertigteilindustrie, hat ein „Erkenntnisdefizit” nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern selbst bei Fachzielgruppen ausgemacht: „Auch Beton besteht aus mineralischen Rohstoffen, mithin aus Naturstein, und ist zudem ein gestaltetes Produkt, da er in Form, Farbe und Oberfläche nach Kundenwunsch variiert werden kann”. Nicht alle Planer scheinen solche Erkenntnisse zu teilen. Emotionen seien zwar nicht zu leugnen, meint die Heidelberger Landschaftsarchitektin Kathrin Rating. Ein Vergleich von Beton- und Naturstein sei jedoch schlicht „Nonsens”. Beide Werkstoffe sollten „eine ihrem Wesen, ihrer Qualität, ihrer Geschichte und ihrer Ästhetik entsprechende technische und gestalterische Anwendung finden”.
Auch Andreas Keppler, Garten- und Landschaftsarchitekt aus Reutlingen, plädiert für eine leidenschaftslose und sachliche, vor allem aber konstruktive und praktische Annäherung an beide Produktoptionen, wobei natürlich die Wünsche des Bauherren und das Projekt sowie dessen Kosten zu berücksichtigen sind. „Ich sehe grundsätzlich keine Nachteile, wenn jedes Material zweckgerecht eingesetzt und ein hoher Qualitätsstandard gewahrt wird.” Für andere hingegen gibt es von vornherein einen klaren Favoriten. Thomas Kaczmarek, Geschäftsführer der noch jungen BetonMarketing Deutschland GmbH: „Betonwaren haben gegenüber Natursteinprodukten klare Vorteile im Markt, die wir sachlich und nachvollziehbar bei unseren Kunden deutlich machen müssen.”
Argumente, die zum Nachdenken anregen und ein neues Bewusstsein schaffen sollten, gibt es reichlich. Wohin also steuert der Markt angesichts eines so breiten Meinungsspektrums und großer Wissenslücken? Steigende Billigimporte aus dem asiatischen Raum verschärfen die Auseinandersetzung, ebenso wie zunehmende Preiskämpfe und das Aufschäumen emotionaler Wogen. Wenn die Marktkenner allerdings Recht behalten – und dafür spricht vieles – dann entscheidet sich auch dieser Preiswettbewerb vor allem an der Qualitätsfront und über die Innovationsvielfalt. Und dort haben beide Produkte gute Karten. Eine biblische Fehde zwischen Beton- und Naturstein gibt es jedenfalls nicht.